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    Fragen über Fragen
    Forschungsprogramm bringt Aufschluß
    Der Schritt in die Praxis


Der Weg zur Wiederinkulturnahme der Rispenhirse

Mit der Entstehung des Bewußtseins für eine vollwertige und ausgewogene Ernährung mit Lebensmitteln aus ökologischem Landbau, fand auch das fast vergessene Hirsekorn wieder auf den Tisch zurück. Die stetige Entwicklung der Nachfrage für ökologisch erzeugte Produkte schuf die Basis für die Bildung eines Marktes für Hirsekorn, von dem mittlerweile auch vielfältigste Verarbeitungsprodukte angeboten werden. Bis zum Jahr 2004 beruhte das Angebot ausschließlich auf Importen aus Ländern wie den USA, Kanada, China, Ungarn, Österreich oder auch Russland. Diese Situation war und ist insofern unbefriedigend, da Rispenhirse bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland (der Anbau konzentrierte sich ab dem 17./18. Jh. in den südlichen Gebieten der Mark Brandenburg) ein einheimisches Getreide war, das in früheren Zeiten sogar als beste Frucht gegen den Hunger, somit als Grundnahrungsmittel, hoch geschätzt wurde.

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Fragen über Fragen

Mit dem endgültigen Aussterben der Kulturpflanze Rispenhirse Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland, ging auch viel Wissen um ihre Wachstums- bzw. Standortansprüche und um notwendige Kultivierungsmaßnahmen im praktischen Landbau verloren. So mussten vor einer möglichen Wiedereinführung der Rispenhirsekultur, wie generell bei der Wiedereinführung alter Kulturpflanzen, vielfältigste offene Fragen beantwortet werden:

  • Gibt es noch alte nutzbare einheimische Sorten aus Genbanken?
  • Erfüllen deren Eigenschaften noch die Anforderungen der modernen praktischen Landbewirtschaftung und verarbeitenden Mühlentechnik? Befriedigt die Kornqualität die Anforderungen heutiger Konsumentenwünsche?
  • Wenn keine alten einheimischen Sorten mehr existieren bzw. diese unpraktikabel sind, kann man auf Varietäten aus ähnlichen Klimagebieten zurückgreifen? Sind diese Varietäten an hiesige standörtlich-klimatische Gegebenheiten angepasst?
  • Wie kann die (neue) alte Kulturpflanze in das System der heutigen Landwirtschaft integriert werden? Sind die spezifischen Kultivierungsmaßnahmen für Rispenhirse mit den modernen technisierten Arbeitsabläufen vereinbar?
Was tun? Forschen!

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Forschungsprogramm bringt Aufschluß

Ein im Jahr 2000 aufgelegtes, mehrjähriges Forschungsprogramm an der Agrarwissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin sollte den nötigen Erkenntnisgewinn bringen.
Um dem Geheimnis der Rispenhirse auf die Spur zu kommen, d.h. um konkrete anbautechnische und nutzungsrelevante Problemstellungen und Anknüpfungspunkte zu erhalten, wurde anhand historischer Landwirtschaftsliteratur ein historisches Anbau- und Nutzungsprofil der Hirsepflanze erstellt. Hier zeigte sich, dass die Hirse neben ihren beliebten Eigenschaften der hohen Kornvervielfältigung und umfassenden Sättigung auch sehr nachteilige Eigenschaften besaß, die ihren Anbau sehr aufwendig und unsicher machten (Rispenhirsekultivierung in Deutschland):

  • leichter Ausfall des reifen Korns aus der Rispe, d.h. großer Verlust während der Ernte
  • späte Abreife der Rispe in kühl-feuchten Jahren, d.h. Ernte von feuchtem Korn mit anschließender aufwendiger Trocknung
  • uneinheitliche Abreife der Rispe, d.h. komplizierte Ernte, da Körner in der Rispenspitze schon reif waren und zum Teil ausfielen, während die Körner im unteren Rispenteil noch grün waren
  • starke Verunkrautung des Feldes, d.h. extrem aufwendige manuelle Beikrautregulierung

Auch musste der heute noch oft verbreitete Mythos der Anspruchslosigkeit der Hirse gegenüber Bodengüte und Düngung relativiert werden.
Das historische Anbau- und Nutzungsprofil offenbarte:

  1. dass sogar auch wärmebegünstigte Klimagebiete Deutschlands für Hirse als Pflanze mit hohem Wärmeanspruch Grenzgebiete ihrer Kultivierung waren.
  2. dass die verbreiteten einheimischen Landsorten aufgrund einer unzureichenden Züchtungsarbeit auf einer Kulturstufe standen, die ihren Anbau zu einem risikoreichen Unterfangen werden ließ.

Auf den einheimischen alten Sortenbestand, der mit 2 Varietäten „Lipa“ und „Bernburger Rispenhirse“ in der Genbank Gatersleben durchaus noch zu finden war, konnte somit nur bedingt zurückgegriffen werden.
Bei der Suche nach praktikablen Sorten als neue Basis eines einheimischen Hirseanbaus zeigte sich, dass in Osteuropa, insbesondere in der Ukraine und Russland noch eine vielgestaltige, ausgedehnte Anbaupraxis und Züchtungstätigkeit von Rispenhirse existierte. In Westrussland fand sich ein auf die Rispenhirse spezialisiertes Pflanzenzüchtungsinstitut, das exakt passend Sorten für mäßig temperierte Klimagebiete entwickelt, wie sie auch für Deutschland typisch sind. Dieses Institut stellte der Humboldt-Universität eine Kollektion von 25 verschiedenen Hirsevarietäten zur Verfügung, die auf Versuchsflächen und auf ausgewählten Ackerflächenparzellen von Bio-Bauern im Raum Berlin auf ihre Eignung für die hiesige Kultivierung getestet werden konnten. Versuche zur Kultivierungstechnik ergänzten die Untersuchungen.

   
Aussaat der Hirsesorten   Parzellen im Feldversuch   Arbeiten im Versuchsfeld

    (Durch Anklicken lassen sich die Bilder vergrößern.)
Ernte der Versuchsfächen        

Die Ergebnisse waren nach 4 Jahren Versuchsanbau absolut überzeugend – die Mehrzahl der untersuchten Rispenhirsesorten war in ihrem Wachstumsrhythmus an hiesige Standortverhältnisse optimal angepasst und entwickelte dazu noch einen guten Kornertrag!
Eine stetige Verbesserung der Pflanzeneigenschaften machte aus der ehemals schlecht handhabbaren Problempflanze, ähnlich anderen Getreidearten, eine normal nutzbare Kulturpflanze.
Diese Risikominimierung des Anbaus war Vorraussetzung für eine erfolgreiche Wiedereinführung der Pflanzenart.
Ein großer Vorteil der osteuropäischen Rispenhirsetypen, sind, für den Verbraucher direkt erfahrbar, die hervorragenden kulinarischen Korneigenschaften. Im Gegensatz z.B. von Hirsekorn aus den USA oder auch aus Ungarn mit unakzeptabel langen Kochzeiten hatte das untersuchte Hirsekorn nur kurze bis mittlere Kochzeiten und einen sehr milden Geschmack.

Bei der Frage der nötigen Kultivierungsmaßnahmen (in ihrer Gesamtheit fachlich Bestandesführung genannt) für die Rispenhirsekultur, wie z.B. Technik der Aussaat und ganz wichtig der Art der Beikrautregulierung konnte auch auf die Forschungsarbeit des Pflanzenzüchters Karl- Josef Müller zurückgegriffen werden. Hier ergaben sich wegweisende, praktikable Lösungen.
Schlussendlich ermöglichte die Kombination aller Einzelerkenntnisse des Forschungsprogramms die Einordnung der Kulturpflanze Rispenhirse in das System der heutigen Landwirtschaft!

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Der Schritt in die Praxis

Nach historischen Beschreibungen der geografischen Verbreitung der Rispenhirseanbaugebiete in Deutschland konnten die südlichen Gebiete der Mark Brandenburg (Region Niederlausitz) als ein Kultivierungszentrum lokalisiert werden. In der hier vorherrschenden slawischen Volkskultur der Sorben und Wenden war und ist Hirse ein tief verankerter Ernährungsbestandteil, ja eine Art Nationalgericht. Verblüffend zeigten aktuelle Forschungen zur Temperaturverteilung in Deutschland, dass exakt die historischen Anbaugebiete mit den Regionen einer erhöhten Temperaturverteilung übereinstimmten, somit unter Beachtung des erhöhten Temperaturbedarfs der Hirse diese Gegenden von Natur aus die höchste Vorzüglichkeit für den Hirseanbau boten. Dies um so mehr, da der Süden Brandenburgs zumeist ärmere Sandböden aufweist, auf denen die Hirsekornerträge zu den Kornerträgen anderer Getreiden eine vergleichsweise erhöhte Konkurrenzkraft aufweisen.
Hier musste die Wiedereinführung anknüpfen! Im Frühjahr 2004 war es soweit. Mit dem Aufbau der Firma „Spreewälder Hirsemühle“ konnte ein neues Kapitel der Hirsekultivierung in Deutschland aufgeschlagen werden. In Zusammenarbeit mit mehreren Bio-Landwirten wurde erstmalig auf einer Fläche von rund 80 ha der praktische Hirseanbau erprobt. Doch wie alle Beteiligten leidvoll erfahren sollten, ist Forschung das eine, die landwirtschaftliche Praxis aber eine Welt mit völlig neuen Herausforderungen. Der kalte Frühsommer machte den Hirsepflänzchen schwer zu schaffen, so dass auf einigen Flächen das Unkraut völlig die Oberhand gewinnen konnte.

   
Der größte Feind der Hirse – das Unkraut. (Durch Anklicken lassen sich die Bilder vergrößern.)


Die gewählte Standortvielfalt ließ es dann aber doch noch zu, dass auf einigen Feldern die Rispenhirse schöne Bestände entwickelte.

   

   
Hirsefeldimpressionen


Im warmen, sonnigen Spätsommer reiften trotz Wachstumsverzögerung die Pflanzen noch sehr gut ab und das Korn wurde problemlos geerntet .

   
Ausgereifte Hirsebestände

   
Hirsekornernte

Das erste ökologisch produzierte Hirsekorn aus Deutschland konnte verarbeitet werden!

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Spreewälder Hirsemühle 2006